Philosophische
Praxis

 

Mein Weg

Kindheit und Jugend

 

In mehrfacher Hinsicht betrachte ich es als großes Glück, in eine Familie hineingeboren worden zu sein, die mir größtmögliche Freiheit im Denken erlaubte, und mich als Letztgeborenen von sieben Kindern mit vielfältigen geistigen Anregungen und menschlicher Wärme reichhaltig versorgte und umsorgte.

 

Manchmal denke ich mir, dass die Gegebenheit, dass wir ohne Nachbarn und abseits des besiedelten Gebietes in einer natürlichen Umgebung aufwachsen durften, mitten im Rheintal in Vorarlberg, mit weitem Ausblick auf die fernen Schweizer Alpen und Einblick in die etwas näher gelegenen Voralpen, mein Denken stark geprägt haben muss. In ähnlicher Weise, wie ich mich als Kind auf dem Schulweg erst langsam, gehend, der Stadt genähert habe, sehe ich jetzt meine Aufgabe als Philosophischer Praktiker und Supervisor darin, mich dem menschlichen Tun und Lassen von der Ferne anzunähern.

 

Soweit ich zurückdenken kann, war ich immer schon fasziniert von der Macht und Wonne des Wortes sowie des Denkens und Nachdenkens in Muße. Die erste Begegnung mit der Philosophie geschah während der Schulzeit durch die Lektüre der Schriften Schopenhauers und Nietzsches. Rückblickend, aus heutiger Perspektive betrachtet, habe ich damals kaum etwas von der Philosophie dieser beiden sehr umfassend gebildeten Querdenker verstanden, was mich aber keineswegs davon abhielt, sie mit Begeisterung zu lesen, und auch mit einer gewissen jugendlich-pubertären Arroganz aus ihnen zu zitieren, um andere zu beeindrucken. Jedes Lebensalter hat seine eigenen Vergnügungen und Laster.

 

Studienjahre

 

In der Zeit meines Studiums an den Universitäten Graz und Wien habe ich mich einerseits intensiv mit klassischen Texten der abendländischen Philosophie auseinandergesetzt, andererseits mit der Geschichte des psychologischen Denkens und der verschiedenen psychotherapeutischen Schulen. In praktischer Hinsicht habe ich von der Psychotherapie viel gelernt, vor allem von der Psychoanalyse, der Klientenzentrierten Gesprächstherapie, der Integrativen Therapie und dem Systemischen Denken.

 

Die Auseinandersetzung mit den Hauptströmungen der modernen Psychologie und den Hauptschulen der Psychotherapie war für mich eine wichtige Wegstrecke. Sie hat auch sehr wohltuend und bereichernd zu meiner persönlichen Entwicklung und Selbsterfahrung beigetragen. Auch theoretisch fasziniert mich dieses Gebiet bis auf den heutigen Tag. Vor allem die schweren psychischen Leidenszustände interessierten mich. Es ist meine persönliche Auffassung und Überzeugung, dass die Philosophische Praktikerin und der Philosophische Praktiker sich damit auskennen sollten, einfach deshalb, weil es Möglichkeiten der menschlichen Existenz sind. Aber auch deswegen, weil sie uns besseren Aufschluss über das Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist geben. Der Psychotherapeut Ed Podvoll hat einmal auf die Frage, wie Psychosen entstehen, ganz schlicht geantwortet: „Everybody who has a mind can loose it.“ Die Fragen, die beispielsweise der Selbstmord aufwirft, gehören zu den wichtigsten und interessantesten Fragen der Philosophie. Wir dürfen keine Furcht haben, uns diesen gründlich und direkt zu stellen.

 

Über diese Auseinandersetzung mit psychologischen und psychotherapeutischen Sichtweisen hinaus habe ich mich aber für die tiefer und weiter gehenden Grundfragen der Existenz und des Seins und der Grundlagenforschung interessiert, welches Interesse mich zu einigen klassischen Texten und Problemstellungen der abendländischen Philosophie führte. Persönlich bezog ich für mein alltägliches Leben die besten und nachhaltigsten Einsichten und lebenspraktischen Hinweise immer aus der Philosophie. Außerdem suchte ich ja nach wie vor, angeregt durch Nietzsche und den späten Heidegger, nach dem sich selbst uneingeschränkt bejahenden, aufrechten Menschen. Vor allem die Lektüre der und Auseinandersetzung mit der Nikomachischen Ethik des Aristoteles gab mir hier entscheidende Winke.

 

Arbeit im Sozialbereich

 

Während des Studiums, besonders zu seinem Ende hin, wuchs in mir immer stärker der Wunsch, auch praktisch für andere nützlich zu werden. Gleichzeitig wollte ich erfahren und wissen, ob der menschliche Geist und die menschliche Würde prinzipiell zerstörbar sind. Um dies herauszufinden, arbeitete ich einerseits in der Betreuung von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, andererseits als psychosoziale Fachkraft in der Beratung von Menschen mit schweren psychischen Leiden.

 

Ich liebte diese Arbeit aus vielen Gründen. Eine besonders bewegende und beglückende Erfahrung war für mich, mit Gewissheit erleben zu dürfen, dass das menschliche Leben und Dasein jenseits aller Nützlichkeitsansprüche sinnvoll und wertvoll ist. Gleichzeitig eröffnete sich mir durch das Privileg, über eine lange Dauer hinweg so viel Zeit mit einzelnen, wenigen Menschen zu verbringen, auch eine ganz neue Möglichkeit. Ich konnte Lebenslagen, Charaktere und Biografien mit viel Muße studieren und verstehen lernen. 

 

Supervision und Coaching

 

In diesen etwa zehn sehr prägenden Jahren der Arbeit im Sozialbereich nahm ich im beruflichen Kontext sehr oft und mit großem Interesse an Supervisionen teil. Da Supervisionen meist fachübergreifend stattfinden, ergibt sich eine starke Nähe der Supervision zur Philosophie und zu den Sozialwissenschaften. Der Supervisor ist ja von seinem Arbeitsauftrag her dazu angehalten, weiter hinaus zu denken, um zwischen den unterschiedlichen Fachgruppen Vermittlungs- und Deutungsarbeit leisten zu können. Ich entschloss mich zur Ausbildung zum Supervisor und fand so auf einem neuen und anderen Weg zurück zur Reflexion, in die Philosophie und die Gesprächsführung. Andere Weiter- und Fortbildungen in der Beratung folgten.

 

Auf neuen Wegen zurück zur Philosophie

 

Die Supervisions- und Coaching-Aufträge nahmen allmählich zu, was es mir schließlich erlaubte, mich 2004 gänzlich und uneingeschränkt der selbstständigen, freiberuflichen Beratungstätigkeit zuzuwenden. In dieser Zeit passierte etwas für mich Unerwartetes. Ich hörte immer wieder von Kunden positive Rückmeldungen bezüglich des philosophischen Hintergrundes, den ich selbst ja gar nicht so sehr wahrnahm, da er für mich natürlich war wie die Luft zum atmen. Einmal fragte ich eine neue Kundin, warum sie ausgerechnet zu mir gekommen sei, es gebe ja unzählige Berater und Supervisoren in der Gegend, worauf sie antwortete: „Ja, das stimmt, aber Sie sind der einzige Supervisor hier, der nicht Psychologe oder Psychotherapeut ist, sondern einen geisteswissenschaftlichen Hintergrund hat.“ Das war zwar etwas übertrieben, da es auch Pädagogen und auch einige wenige andere Ursprungsberufe bei Supervisoren der ÖVS gibt, aber die allgemeine Tendenz hatte sie natürlich richtig wahrgenommen.

 

Philosophische Praxis

 

Diese von Seiten meiner Kunden her angeregte Entwicklung ermunterte und inspirierte mich dazu, mein philosophisches Studium erneut aufzunehmen. Diesmal aber von einer anderen Richtung her kommend, um das theoretisch-universitäre Studium durch eine praktisch relevante und nützliche Seite zu ergänzen. So entschloss ich mich zur Ausbildung zum Philosophischen Praktiker in der Deutschen Gesellschaft für Philosophische Praxis, und zwar bei Gerd Achenbach, dem Pionier der Philosophischen Praxis in unseren Tagen. In der Antike gab es das ja schon einmal.

 

 

Mit dem Philosophen Gerd Achenbach, dem Pionier der Philosophischen Praxis in der Neuzeit, in den Sürdtiroler Bergen im Ultental

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